Charlottes Nexus

Der Nexus ist ein fiktiver Ort, wo alle Bedürfnisse erfüllt sind – wo Zeit ebenfalls nicht geradlinig ist, sondern man alles durchleben kann in beliebiger Reihenfolge, wonach man sich jemals gesehnt hat. Religionen nennen den Nexus auch «Himmel» oder das «Paradies». In diesem Beitrag möchte ich gerne experimentieren, wie Charlottes Nexus wohl ausgestaltet wäre.

Nun, Charlottes Nexus ist sicherlich ebenerdig. Ich stelle mir ein riesiger Raum vor, ähnlich wie beispielsweise Charlottes Wohngruppe. Charlotte bewegte sich bevorzugt robbend im Rollstuhl. Sie konnte ihr Umfeld gezielt anweisen, sie entweder vom Boden auf den Rollstuhl oder umgekehrt zu hieven. Sie änderte ihre Meinung spontan und dynamisch.

In ihrem Nexus kann sie jederzeit zwischen Rollstuhl und Boden wechseln. Alle ihre Bezugspersonen sind im Nexus vereint. Jede Bezugsperson ist aber mit einer spezifischen Charlotte-Aufgabe betraut. Jemand kümmert sich um Rollstuhl- respektive Bodenwechsel. Sie visiert diese Person für diese Aufgabe an.

Eine andere Person liefert den Trinknachschub. Im Nexus hat Charlotte zwei Fläschlis. Eines mit Kokoswasser, ein anderes mit Yogi-Drink. Diese Fläschli füllt eine Bezugsperson auf Charlottes Anfrage stets auf. Eine andere Bezugsperson ist zum Streicheln und Kuscheln da. Charlotte kommt angerobbt – und wird gestreichelt und kurz umarmt. Danach robbt sie weiter.

Eine andere Ecke des grossen Raumes versammelt alle Charlottes Spielsachen. Charlottes Spielsachen müssen Geräusche verursachen; es darf klimpern, klappern, lärmen. Idealerweise selbstwirksam, wenn sie irgendwo drückt. Alle Spielsachen werden automatisch immer wieder dorthin platziert. Sie hat alles beisammen und muss nichts suchen.

Charlotte hat noch ein Karussell, das sie mit dem Rollstuhl befahren kann. Eine fachkundige Person dreht das Karussell in Charlottes Wunschgeschwindigkeit. Sobald Charlotte nicht mehr will, bremst die Person das Karussell und lässt sie raus. Ebenso hängt eine Schaukel gleich nebenan. Dort kann sie nach Herzenslust schaukeln und ihre zufriedenen Lautgeräusche äussern.

Eine Verpflegungsecke bietet alles an, was Charlotte mag. Sie muss nicht auf eine Uhrzeit warten wie beispielsweise 18:00 Uhr bei Papi, sondern kann jederzeit ausreichend Trockenfrüchte, Mozzarella, Bananen- und Früchtebrote mampfen. Für Joghurt und Desserts sorgt eine weitere Bezugsperson. Diese Bezugsperson kocht für Charlotte Gerichte wie Kaiserschmarren.

Für ihre Lieblingsglacés hat Charlotte einen eigenen Standort der Gelateria di Berna. Dort darf sie alle ihre Glaces schmecken. Wenn sie genug hat, robbt sie einfach weiter.

In Charlottes Nexus hat sie einen grossen Wald, den sie mit ihrem Rollstuhl erkunden kann. Manchmal möchte sie auch einfach geschoben werden. Dazu steht eine entsprechende Bezugsperson bereit. Sie lässt sich durch den lebendigen Wald chauffieren. In jedem Gebüsch verstecken sich Vögelchen, die zwitschern und Charlottes Aufmerksamkeit erwecken.

Alle fünf Meter wartet ein perfekt abgestimmter Brunnen für ein kurzweiliges Vergnügen. Sie kann dort Füsse wie Hände perfekt eintauchen. Der Brunnen ist angenehm kühl und sauber. Sie kann problemlos aus dem Brunnen trinken. Immer in Hörweite ist ein Bach, der plätschert. Der ganze Wald dient Charlotte.

Falls Charlotte wünscht, kann sie jederzeit in einen beheizten Pool aufsuchen. Dort kann sie mit ihren Bezugspersonen an der Ecke die Füsschen ins Wasser tunken – oder direkt im Wasser schwebend sich ausruhen. Kleidung muss Charlotte keine wechseln, die Kleidung passt sie automatisch den Bedingungen an. Auch kann sie nicht ertrinken, das Wasser kann sie auch gut schlecken, weil das Wasser ist niemals verunreinigt.

Die Temperatur im Wald, aber auch generell in Charlottes Nexus beträgt 25°. Socken müssen keine getragen werden, eine Mütze ebenfalls nicht. Die Sonne scheint zwar, aber blendet nicht. Es herrscht ewige Windstille. Ein T-Shirt und eine kurze Hose genügen für Charlottes Komfort.

Im Nexus kann Charlotte auch ein Bällebad errobben. Dort kann sie solange und ohne Socken drinnen turnen oder traben wie ihr behagt. Auf Charlottes Wunsch kann sie dort auch aus ihren Fläschli trinken, schlafen oder einfach mit ihren Liebsten schmusen.

Auf einer grossen Couch kann Charlotte sich alternativen ausruhen und mit ihren Lieblingsmenschen kuscheln. Dort dürfen ihre Lieblingsmenschen mit ihren Spielsachen spielen – und Charlotte schaut ganz zufrieden zu. Sie kann zwar schon selber spielen und klopfen, aber manchmal ist es auch spassig, jemand anderen zu beobachten, wie gespielt wird.

Falls Charlotte will, kann sie mit dem Rollstuhl zu einem VW-Büsli fahren. Dort wird mit einem Lift hineingehievt und darf danach kurz durch die Stadt düsen. Maximal zwanzig Minuten Stopp-Go-Stadtverkehr ist für Charlotte aber genug. Sie kann am Fenster klopfen und darf wieder automatisch heraus.

In Charlottes Nexus gibt es auch keine Epilepsie und keine Medikamente. Sie hat auch keine Arztbesuche oder Physiotherapie. Wenn sie müde ist, schläft sie einfach gerade dort, wo sie ist. Sie hat immer ausreichend Menschen um sie herum. Sie kann alleine sein – aber sie muss nicht.

Alle Menschen, die Charlotte gekannt haben, sie dort und empfangen sie stets mit grösster Freude und ungeteilter Aufmerksamkeit. Ihr gehört die Welt und alle Zeit. Sie kann jeden Momenten immer wiederholen und nochmals geniessen.

Antwort auf «Charlottes Nexus»

  1. Jasmine

    Die Vorstellung von Charlotte in der Nexus finde ich sehr tröstlich. Mit all ihren Lieblingsmenschen, Lieblingsspielsachen und eine ganze Gelateria di Berna.

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