Nach einem halben Jahr ist der Obduktionsbericht freigegeben worden. Die These im Bericht besagt, dass Diabetes den epileptischen Anfall ausgelöst haben soll. Natürlich kann man das nachträglich nicht mehr beweisen, daher relativiert man im Bericht den Befund auch mit «am ehesten». Diabetes war innerhalb Charlottes Krankheitsbild leider nicht priorisiert.
Sodann stellt man sich natürlich Fragen. Hätte man etwas «verhindern» können? Hätte man etwas anders machen können? Ein Test mehr, eine Abklärung dort – einfach etwas, dass man den plötzlichen Tod austricksen hätte können. Man versucht der Ohnmacht etwas zu entgegen – und landet in Selbstvorwürfen verständlicherweise.
Ich gestehe meine Ohnmacht. Überhaupt war man gegenüber Charlotte «ohnmächtig» – die ganze Krankheit war nicht selbstverschuldet, sondern bloss eine «Laune der Natur», wie es die damalige Genetikerin ein wenig unglücklich zu formulieren versuchte. Charlottes Krankheit war bereits selten, die Todesursache nochmals selten – kumuliert hätte ich eher im Lotto gewonnen.
Hätte ich in der Todesnacht anders reagieren sollen? Hätte man Charlottes Krankheitsbild breiter analysieren müssen?
Ich kann diese Frage nur für mich beantworten. Ich habe mein «Bestes» gegeben in allen Situationen. Ich hätte mit den damals vorhanden Informationen gar nicht anders handeln können. Eventualitäten und Möglichkeiten waren seit jeher Teil Charlottes Erkrankung; man versuchte einzugrenzen oder auszuschliessen und zu interpretieren, was Charlotte fühlt und braucht.
Hätten wir als Eltern damals mehr Informationen gehabt, beispielsweise eine eindeutige Diabetes-Diagnose, dann hätten wir diese sicher behandelt und nicht einfach ignoriert. Hier kann man uns nichts vorwerfen. Aber wir hatten diese Information nicht. Ist halt so wie beim Lotto: Im Nachhinein kennt man schliesslich die Zahlen.
Ich erinnere hier gerne an das berühmte Zitat aus Star Trek – Captain Picard in The Next Generation. Er belehrte Data einst, dass man alles richtig machen könne, aber trotzdem «verliere». Und dass man das ganz einfach das «Leben» nenne. Sinngemäss ähnliche Sprüche schmücken unzählige Poesiealben vergangener Generationen.
Für mich war dieser Spruch niemals abgedroschen. Er leitete mich bereits in Vergangenheit – ebengerade mit Charlottes Krankheit. Und nun auch in den Tod. Ich habe alles nach besten Wissen und Gewissen gemacht – aber trotzdem die Liebe meines Lebens verloren. Das tröstet mich. Kein Obduktionsbericht kann mir das nehmen.

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