In diesem Beitrag will ich nicht die Todesnacht rekonstruieren – auch das wäre eine andere Geschichte, eine für alle Beteiligte sehr Traumatische. In diesem Beitrag möchte ich Frage aufwerfen, ob Charlottes Tod eine «Bedeutung» habe – für mich oder für ihre Trauerfamilie. Ich kann hier aber nur als Vater sprechen und niemanden vereinnahmen.
Charlotte war bekanntlich mein Lebensmittelpunkt, mein Sinn des Lebens, meine Lebensaufgabe. Meine grösste Angst und Sorge war, Charlotte irgendwann in ein Heim abschieben zu müssen, weil ich körperlich nicht mehr ausreichend gerüstet wäre. Ich hätte sie sicherlich anfänglich wöchentlich besucht. Aber vermutlich je länger, umso weniger. Das war meine grosse Angst.
Das ist nun obsolet. Charlotte hat sich dem entzogen. Sie hat sich verabschiedet. Sie war schneller. Sie ist inzwischen seit knapp einem halben Jahr verstorben. Unsere gemeinsamen Routinen sind damit ebenfalls gestorben. Mein Leben hat sich seitdem auch verändert. Nicht mehr Charlotte bildet meinen Lebensmittelpunkt.
Momentan habe ich keinen konkreten Lebenssinn mehr. Ich bastle zuhause an meiner kleinen Serverfarm, ich arbeite einigermassen lustlos, ich resozialisiere mich so gut als möglich. Ich simuliere Normalität und Alltag, den ich eigentlich nicht haben möchte. Und dazwischen grüble ich, ob Charlottes Tod mir eine Nachricht war.
Die Zeit ist bedeutungslos geworden; ich habe mein Zeitgefühl verloren. Die letzten sechs Monaten fühlen sich wie die letzten sechs Wochen an. Die Zeit vermittelt mir keinen Sinn mehr. Hingegen an die Charlotte-Zeit kann ich mich gut erinnern. Sie war wohlig, sie war gewohnt, sie war erwartbar, sie wiederholte sich sanft. Charlottes Tempo war gemächlich; sie gedieh und blühte stetig und beobachtbar fürs geschulte Auge.
Die drängendste Frage ist das Warum. Warum jetzt? Warum sie? Warum wir? Diese Fragen beschäftigen alle Angehörigen – so auch mich. Sie kann naturgemäss nicht abschliessend und allgemein beantwortet werden. Der Tod beendet das Leben. Durch Charlottes Tod bin ich nun mit mir selber konfrontiert respektive falle auf mich selbst zurück.
Diese Frage kann niemand für mich klären. Jetzt muss ich selber eine Antwort finden, die mich einigermassen zufriedenstellt. Und das ist für mich der Sinn des Todes eines nahen Angehörigen. Dass man selber wieder «aufwacht», wieder nachdenkt, wieder mit seinem Leben sich auseinandersetzt. Das führt dann automatisch zur Frage, was möchte ich nun?
Natürlich war mein Leben mit Charlotte gut – ich wollte ja daran nichts ändern und wir waren eingespielt. Ich hätte so noch einige Jahre des Glückes erfahren können, bis irgendwann Charlotte zu gross und zu schwer für einen alternden Vater gewesen wäre. Jetzt muss ich allerdings. Ich kann mein altes Leben nicht mehr fortführen.
Für mich ist das einzig Verdankenswerte des Todes, dass er die Angehörigen ermahnt, dass das Leben endlich sei. Das alleine ist zwar noch kein befriedigender Grund – denn man hätte mich nicht «wecken» müssen. Aber immerhin tröstet das mich einigermassen. Jetzt muss ich meinen Weg finden – einfach ohne Charlotte.
Immerhin kann ich mich an die Momente des Glücks erinnern. Ich kenne Glück, ich kann es einigermassen konservieren. Das Glück wird nicht mehr durch spätere Erfahrungen geschmälert oder relativiert. Das Glück bleibt bestehen und ist unveränderlich. Alleine diese Erfahrung beruhigt mich für alle meine Zukunft.
Dass ich wieder zu schreiben begonnen habe und auch hiermit eine Plattform Charlotte der Erinnerung schenke, stimmt mich zuversichtlich. Ich bin manchmal motiviert, manchmal weniger. An gewissen Tagen bin ich wieder aufgewühlt, untröstlich traurig und möchte mich einfach verkriechen: die Frage nach des Sinnes verneine ich dann.
Denn in solchen Augenblicken hat mein Leben überhaupt keinen Sinn mehr. Charlottes Tod schien auch mich körperlich gleichsam ausgelöscht zu haben. Ich scheine bloss zu trotten und die Monate und Wochen zu überleben, nutzlos und sinnlos an mir vorbeistreichend. Allerdings wäre diese ganz nihilistische Existenz sicherlich keine gute Folge aufgrund des Todes meiner Liebe des Lebens.
Der Tod selber hat keine Bedeutung oder Grund. Viel wichtiger ist, wie wir als Angehörige den Tod lesen. Hier ist man komplett frei und uneingeschränkt. Der Tod kann bedeuten, das Leben zu intensivieren – er kann aber auch das Gegenteil auslösen, das Leben zu entschleunigen und für Jahre innezuhalten.
Charlottes Tod bedeutet für mich, dass ich mich wieder auf meine Bedürfnisse fokussieren solle und dass ich meinem Leben abseits Charlotte einen gewissen Sinn stiften darf und kann. Mein Leben soll sich nicht nur auf Charlotte beschränken. Charlottes Wirken und Einfluss zählt weiterhin; sie hat mir schliesslich acht Jahre des Glückes geschenkt.
Doch nun muss ich leider fortfahren, mir wieder einen «neuen» Sinn des Lebens erkämpfen. Ich weiss derzeit noch nicht, wo und wie ich ihn aufspüren kann. Aber ich bin guten Mutes, dass mir das irgendwann gelingen mag. Aber es ist Arbeit! Die Versuchung, einfach zu trotten und Normalität zu heucheln, ist verführerisch; sie kürzt und lenkt ab.

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