Wir wohnten ja in Basel. Dort waren wir sicherlich jede Woche einmal im grünen Trämli unterwegs. Manchmal aber mussten wir andere Städte besuchen. Die Reha-Klinik in Affoltern beispielsweise – andere Geschichte. Manchmal verreisten wir aber auch bloss zu zweit irgendwohin, maximal eine Stunde Zugfahrt. Lebhaft in Erinnerung ist mir der 1. August.
Charlotte und ich fuhren nach Luzern. Ich hatte ohnehin frei, da eben 1. August und Charlotte war bei mir glücklicherweise. Es war weder zu heiss noch zu kalt – perfektes Charlotte-Wetter. Mit dem Veloanhänger fuhren wir zum Bahnhof SBB in Basel. Dort habe ich den Veloanhänger entkoppelt und eilte auf den 03er-Zug nach Luzern.
Ich buchte für Charlotte die erste Klasse, weil dort ich mich ungestörter fühlte. Wir hatten ein Viererabteil für uns alleine. Ich stemmte Charlotte auf den Sitz. Sie wollte nämlich in ihrem Veloanhänger nicht «ruhen» – der musste immer bewegt sein, ansonsten war es ihr wohl zu wenig aufregend.
Typischerweise sass ich neben ihr, sie am Fensterplatz. So konnte ich sie ein wenig stabilisieren. Charlotte konnte gut auf Stühlen sitzen, und auch im Zug. Aber Charlotte war sehr «mobil», wie Physiotherapeuten jeweils sich ausdrücken. Ich habe sie meistens mit Kokoswasser ausgestattet, mindestens mit ihren «Ausgehspielzeuge».
Das waren Spielsachen, die notfalls auch verloren gehen konnten. Doch meistens war Charlotte mit dem Fenster und dem Tischchen beschäftigt. Am Fenster klopfte sich jeweils aufgeregt. Schliesslich musste auch sie bemerkt haben, wie die Landschaften, Dörfer und Städter durch Fenster schimmern.
Das Tischchen war insbesondere in der Klappform sehr begehrt. Sie hatte irgendwann entdeckt, dass man das Tischchen eben zu- und aufklappen könne. Das liess sie nicht unversucht. Irgendwann verstand sie auch, dass die Erwachsenen ihr «helfen» könnten. Das kam aber erst ca. mit ihrem 6. Lebensjahr. Seitdem nahm sie einfach meine Hand auf das Tischchen, sodass ich für sie lärmen musste.
Sie hatte keine Ambition alsdann, das Tischchen selber zu bedienen. Sondern ich musste das für sie auf Wunsch erledigen. Nach einigen Minuten hat sich Charlotte wieder anderweitig beschäftigt. Die Mitpassagiere interessierten sie ebenfalls. Sobald sie jemanden entdeckte, starrte sie diese Person einfach kurz an.
Allerdings nur erwachsene Menschen. Sie konnte sicherlich zehn Sekunden lang jemanden fokussieren. Sie wollte lediglich wahrgenommen werden. Instinktiv wusste sie vermutlich, dass sie einfach lächeln müsste. Sie lächelte ihre Sekunden und falls niemand «reagierte», war sie rasch wieder anderweitig vergnügt.
Manche Menschen können im Zug gut Menschen ignorieren, das nennt man auch Pendeln. Insbesondere wenn wir zu Stosszeiten nach Affoltern fuhren, wurde Charlotte eigentlich nie beachtet. Im Freizeitverkehr sind aber die Menschen im Zug tendenziell aufmerksamer. Einmal wollte Charlotte unbedingt die Hand eines fremden Menschen greifen.
Ich habe mich entschuldigt und erklärt, dass man Charlotte nichts «befehlen» könnte. Sie mache einfach, was sie wolle. Der fremde Mann willigte ein und liess sich kurz von Charlotte in ihrer eigentümlichen Art streicheln. Er bedankte sich mit einem Lächeln. Und damit war für Charlotte auch wieder «gut genug».
Ein andermal war die Situation ein wenig «angespannter», Charlotte wollte unbedingt die Haare einer älteren Frau schnappen. Ich versuchte, Charlottes Arme irgendwie zu bändigen. Ich habe die fremde Frau ebenfalls gewarnt, dass Charlotte nicht loslasse. Diese ältere Frau liess Charlotte kurz gewähren und lächelte ebenfalls.
Einmal sassen wir einem Mann gegenüber, der einfach aus dem Fenster starrte und sein Bier trank. Auch hier musste ich Charlotte bremsen. Sie versuchte mit ihren Laute Aufmerksamkeit zu erzeugen. Hier waren Charlottes Bemühungen aber vergebens. Der Mann konnte Charlotte tatsächlich knapp zwanzig Minuten lang ignorieren.
Charlottes Fortbewegungsmittel, also entweder Rollstuhl, in jüngeren Jahren Veloanhänger oder Reha-Buggy, sind eigentlich nicht für Züge entwickelt worden. Ich musste stets Züge wählen, die niederflurig waren. Einmal beispielsweise hatte ich Pech, eine Zugkomposition wechselte spontan und die kleine Charlotte war bereits gross und schwer.
Glücklicherweise sind am Bahnhof viele Menschen hilfsbereit und hatten uns jeweils unterstützt. Auch das war für Charlotte sehr «witzig», so viel Aufregung, um sie irgendwie in den Zug zu hieven. Manchmal haben wir auch einen Durchgang halbwegs versperrt. Das SBB-Personal war meistens verständnisvollst, insbesondere als sie Charlotte sahen.
Sie sass sehr zufrieden auf ihrem Sitz, neben Papi, konnte ebensogut einfach aus dem Fenster staunen. Doch ewig durfte eine Zugfahrt auch nicht dauern. Als Limit hat sich diese goldene Stunde erwiesen, in der man glücklicherweise von Basel alle weiteren grossen Städten erreichen konnte.
Leider haben wir das im 2025 zu selten gemacht – überhaupt würde ich heute alles viel mehr und öfters tun. Man glaubte ja immer, man habe alle Zeit der Welt. Immerhin habe ich etliche Erinnerungen, wie ich zusammen mit Charlotte im Zug die Schweiz durchquert habe. Einmal sogar auf die Rigi; mit allem, was die Schweiz zu bieten hatte: Zug, Schiff, Seilbahn, Zahnradbahn. Oder eben von diesem eingangs erwähnten 1. August. Kurz nach Luzern und wieder zurück, die Zugfahrt war der eigentliche Ausflug.

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